
Mit erhobenem Haupt stand Urvu in der Mitte des Festplatzes. Ihr Blick wanderte hinauf zu Dea, die in ihrer Vollmondgestalt den nördlichen Nachthimmel beherrschte. Die Göttin von Liebe, Leben und Tod lächelte auf ihre Kinder herab, die sich im Ring des Rituals und dessen unmittelbarer Umgebung allen nur denkbaren körperlichen Freuden hingaben.
Die geistige Führerin des Stammes war mit dem Verlauf des Abends ausgesprochen zufrieden. Sieben jugendliche Erdlinge hatten an ihrem sechzehnten Geburtstag das Wor’hos gefeiert und unter dem Jubel der Festgäste erstmals den Gipfel der Leidenschaft erklommen. Noch immer dröhnten die rituellen Trommeln und trieben die Paare, die sich einander in religiöser Verzückung hingaben, in die Ekstase. Viele Kinder würden dieser Feier entsprießen, zur Ehre der Mondgöttin, zum Segen des Clans.
Die Schamanin hatte ihre Pflichten erfüllt, doch der Abend, gefüllt mit Gebeten und zeremoniellen Verrichtungen, hatte an ihren Kräften gezehrt. Sie war erschöpft und sehnte sich nach Ruhe. Seit mehr als dreißig Sonnenzyklen leitete sie nun die spirituellen Geschicke des Clans, aber an Festtagen wie diesem spürte sie ihr fortgeschrittenes Alter in den Knochen.
Gemächlichen Schritts verließ sie den Ring des Rituals. Dutzende ineinander verschlungene Paare säumten ihren Weg, darunter zwei jugendliche Olbuno, die sich ihrer Leidenschaft lautstark hingaben. Ihr Herz hämmerte bis hinauf in die Schläfen. Sie stieß die Luft aus und eilte vorbei. Wann hatte sie das letzte Mal die Umarmung eines Mannes genossen? Sie konnte sich nicht daran erinnern, aber es lag viele Sonnenzyklen zurück. Urvu war trotz ihrer zweiundsechzig Lebensjahre eine stattliche Frau, jüngere Clanmitglieder hätten es als Ehre angesehen, mit ihr das Lager zu teilen. Ihr enthaltsames Leben beruhte auf einem Gelübde, das sie vor Jahren geleistet hatte.
Die Ereignisse dieses Tages waren in ihrem Gedächtnis eingebrannt. Unter unvorstellbaren Schmerzen hatte sie einen Sohn zur Welt gebracht, erst das dritte Kind, das ihr Dea im Lauf von zwanzig Sonnenzyklen zugestanden hatte. Das Neugeborene war seelenlos geblieben, allen Anstrengungen der Heilerinnen zum Trotz. Selbst dem Tod nahe hatte sie geschworen, den Freuden der Liebe künftig zu entsagen und ihr Leben diesem Knaben zu weihen, wenn die Mondgöttin Erbarmen zeigte. Das Wunder geschah, Gunar sog seinen ersten Atemzug in die Lungen. Auf ihre eigene Lust zu verzichten, war nichts im Vergleich zum Geschenk eines Sohnes.
In den letzten Mondzyklen hatte er sich zu einem kräftigen Erdling entwickelt, mit dem Mut und der Stärke einer Raubkatze. Unter seinen Freunden genoss Gunar hohes Ansehen. Viele Mitglieder des Clans sahen in ihm den kommenden Häuptling. Sein aufbrausendes Temperament brachte ihn zwar regelmäßig in Schwierigkeiten, doch Urvu bemühte sich nach Kräften, ihm Weisheit und Lebenserfahrung zu vermitteln.
Mit hastigen Schritten entfernte sie sich vom Festplatz, um mit den aufwühlenden Klängen der Trommeln auch die Unruhe ihres Herzens hinter sich zu lassen. Sie sehnte sich nach der Stille ihrer Hütte, wo sie im Gebet ihr inneres Gleichgewicht zu finden hoffte.
Kurz vor ihrem Heim vernahm Urvu einen unterdrückten Schrei. Eine erschreckende Angst lag darin, die ihr für einen Augenblick den Atem raubte. Angespannt lauschte sie hinaus in die Nacht. Doch die Trommeln und Gesänge, die vom Festplatz herüberschallten, überdeckten jedes andere Geräusch. Kopfschüttelnd wandte sie sich ihrer Hütte zu. Da, derselbe grauenvolle Laut! Lang gezogen, erstickt zu einem Röcheln. Eiseskälte durchströmte sie, eine Vorahnung, die das Blut in ihren Adern gefrieren ließ. Am ganzen Körper bebend eilte sie in die Richtung, aus der sie den Schrei vernommen hatte.
Urvu erstarrte mitten im Schritt. Auf dem Boden lag ein Mädchen, das von zwei Knaben festgehalten wurde. Ein Dritter kniete zwischen ihren Schenkeln und stieß so heftig in ihren Leib, dass ihm der Schweiß über den Rücken strömte. Die Erkenntnis, wem der Körper des Vergewaltigers gehörte, traf sie wie ein Keulenschlag.
»Zy Dea! – Bei Dea!« Urvu ballte die Hände zu Fäusten und rang nach Luft. »Was treibt ihr hier?«
Die drei Jugendlichen schraken zusammen und ließen von ihrem Opfer ab. Ihr Sohn rollte sich zur Seite, seine Brust hob sich unter heftigen Atemzügen.
»Mutter!« Gunars Stimme klang eher vorwurfsvoll als schuldbewusst. »Wie kannst du uns nur so erschrecken?«
»Ist dir nicht klar, welche Sünde du begehst? Ihr solltet euch schämen, einem Mädchen Gewalt anzutun!«
Sie kniete sich neben die zierliche Olbun, die starr auf der Erde lag. Sie zählte keine vierzehn Sonnenjahre, ihre Brüste und Hüften waren kaum gerundet. Die Schamanin sah ihre unnatürlich aufgerissenen Augen im beängstigend blassen Gesicht, und eine frostkalte Hand griff nach ihrem Herzen.
»Ihr … habt sie getötet. Möge Dea euch barmherzig sein.«
»Das wollte ich nicht«, sagte einer der Knaben mit weinerlicher Stimme. »Ich habe ihr nur den Mund zugehalten, um ihre Schreie zu unterdrücken.«
»Du hast sie erstickt«, herrschte ihn Gunar an. »Wie konntest du …«
»Hört auf zu streiten!«, zischte Urvu. »Ihr habt alle drei dieselbe Schuld auf euch geladen. Selbst wenn ihr Tod keine Absicht war, habt ihr dieses Mädchen gegen ihren Willen missbraucht.«
Sie schloss die Augen und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Eine jugendliche Olbun hatte viel zu früh den Tod gefunden. Das erschütterte sie zutiefst, war jedoch nicht mehr zu ändern. Urvu tröstete sich mit der Vorstellung, wie Dea die Seele des Mädchens im Jenseits willkommen heißen würde. Was Gunar und seine Freunde getan hatten, war ein schändliches Verbrechen, vor der Mondgöttin und dem Stamm. Falls die Gräueltat bekannt wurde, musste ihr Sohn zeit seines Lebens eine schreckliche Bürde tragen. Selbst wenn sie ihren Einfluss geltend machte und der Rat der Ältesten ihn und seine Komplizen nicht aus dem Clan ausstieß, würden ihnen die Stammesmitglieder mit immerwährendem Misstrauen begegnen. War es nicht ihre Pflicht als Mutter, ihn vor einem solchen Schicksal zu bewahren? Dea hatte ihm viel zu früh den Trieb eines Mannes eingehaucht, das war nicht seine Schuld.
»Ihr … müsst das Mädchen verschwinden lassen«, sagte sie mit möglichst ruhiger Stimme, obwohl sie das Gefühl hatte, in bodenlose Schwärze zu versinken. »Bringe ich dieses Verbrechen vor den Rat der Ältesten, werdet ihr verbannt. Aber ich kann euch nur schützen, wenn ihr Stillschweigen bewahrt.«
Sie sah von einem zum anderen, alle drei gaben ihr Einverständnis durch ein stummes Nicken. Während seine beiden Freunde die Leiche des Mädchens aufhoben, trat ihr Sohn nahe an die Schamanin heran. Er drückte ihr einen heftigen Kuss auf die Lippen. Sie erschauderte am ganzen Leib. Bevor sie zurückweichen konnte, beugte er sich zu ihrem Ohr und flüsterte: »Zoyr irnoem emyron tohydran, Diddo – Es bleibt unser kleines Geheimnis, Mutter.«

Duema wanderte den Pfad vom Dorf hinunter zum Fluss, ein Bündel über der Schulter und einen selbstgeflochtenen Weidenkorb in der Hand. Obwohl die Tage kaum länger als die Nächte waren, spürte das Erdlingsmädchen Merros Wärme auf ihrer Haut. Soeben schob sich Gor’deas Sonne über den Gebirgskamm im Osten, ihre Strahlen übergossen die Laubbäume und Sträucher mit einem silbernen Licht. Duema liebte die frühen Morgenstunden, solange der Großteil ihres Clans noch schlief und eine alles umfassende Stille herrschte.
Bestens gelaunt summte sie vor sich hin, atmete den Duft des vom Morgentau feuchten Lehms, das Aroma der unzähligen, wildwuchernden Pflanzen. Wenn Duema durch die Flussauen streifte, fühlte sie sich im Gleichgewicht mit der Natur. Kein anderes Kind des Bur’ziudo genoss wie sie die Einsamkeit, und nur wenige Mitglieder des Clans der Blüten verspürten ein ähnlich kraftvolles Band zu den Segnungen der Erde.
Im Volk der Olbuno war es nicht üblich, sich von den Angehörigen des Stammes abzusondern. Alle lebten und arbeiteten für die Gemeinschaft. Die Alten gaben ihre Lebenserfahrung weiter, die Jüngeren sicherten mit Ackerbau, Viehzucht und Jagd das Überleben des Clans. Wegen ihres eigenbrötlerischen Verhaltens wurde Duema schon in der Kindheit von den Spielen der Gleichaltrigen ausgeschlossen, was sie keineswegs störte. Viel lieber verbrachte sie, zum Ärger ihrer Mutter, die Tage in der Wildnis.
An diesem Abend erwartete sie ihr Wor’hos. Der Tag ihrer Geburt lag vier mal vier Sonnenzyklen zurück, weshalb sie nach altem Brauchtum die jugendliche Unbeschwertheit hinter sich lassen musste. Der Gedanke an die damit verbundene Zeremonie erzeugte ein eigenartiges Kribbeln in ihrem Bauch. Zwar freute sie sich darauf, künftig dem Kreis der Erwachsenen anzugehören und ihre eigenen Wege gehen zu können. Aber die Vorstellung, sich vor dem versammelten Clan mit einem Olbun ihres Alters zu paaren, bereitete ihr schlaflose Nächte.
Duema hatte das Flussufer erreicht und sah sich nach Kräutern um. Nahe dem Dorf würde die Ausbeute eher gering sein. Doch ihre Mutter hatte ihr ausdrücklich verboten, sich an ihrem Ehrentag allzu weit vom Lager des Bur’ziudo zu entfernen. Sie ging ein paar Schritte entlang des Ufers und jubelte auf. In einer Mulde wuchsen Dutzende Exemplare des blaublättrigen Zulamur. Die Pflanze schätzte feuchten, nährstoffreichen Boden, in dem die Wurzel ihre Heilkraft entwickeln konnte. Getrocknet und zerrieben löste das Pulver Krämpfe, sorgte für Entspannung und schenkte erholsamen Schlaf.
Duema hockte sich auf die Knie und zog die Kräuter behutsam aus der weichen Erde, um die Wurzel nicht zu beschädigen. Der Geruch von Lehm, vermischt mit einem würzigen Duft stieg ihr in die Nase, und sie sog die Luft tief in ihre Lungen. Welche Geschenke hielt die Natur für ihr Volk bereit! Vollkommen vertieft in ihrer Arbeit, zuckte sie zusammen, als sich eine kräftige Hand auf ihre Schulter legte.
»So früh auf den Beinen, Kräuterhexe?«, erklang eine spöttische Stimme. »Willst du dich am Tag deines Wor’hos nicht Erfreulicherem widmen, als Pflanzen auszureißen?«
Erschrocken fuhr sie in die Höhe. Vor ihr stand Gunar, jüngster Sohn der Dorfschamanin Urvu, der sie im Lauf des vergangenen Jahres mehrmals bedrängt hatte. Der hochgewachsene Jüngling musterte ihren Leib mit lüsternen Blicken. Duemas Wangen flammten auf. Wie in ihrem Volk üblich, war sie nur mit einem Lendenschurz aus Leder bekleidet. Ihre Brüste und Hüften, die sich in letzter Zeit ansehnlich gerundet hatten, boten zweifellos einen erfreulichen Anblick. Doch selbst unter den freizügig lebenden Erdlingen war es unschicklich, ein Mädchen dermaßen begierig anzustarren.
»Was hast du hier zu suchen, Gunar?«, schnauzte sie ihn an. »Ich hab dich oft genug gebeten, mich in Ruhe zu lassen.«
»Wer wird denn so abweisend sein?« Er verzog die schmalen Lippen zu einem aufgeblasenen Grinsen. »Ich bin dir extra gefolgt, um mir einen Kuss zu holen.«
»Den ich dir auch heute nicht geben werde. Verschwinde!«
Duema wich vorsichtshalber einen Schritt zur Seite, weil sie Gunar jede Dreistigkeit zutraute. Urvus Sohn hatte sich in den letzten Mondzyklen zu einem dreisten Rüpel entwickelt. Er scheute nicht davor zurück, anderen seinen Willen aufzuzwingen. Obwohl im selben Alter wie Duema, stellte er deutlich reiferen Frauen nach und ließ sich mit erwachsenen Mitgliedern des Clans auf blutige Rangeleien ein. Bislang war es ihr mit dem ihr eigenen Weitblick gelungen, seinen Übergriffen zu entgehen.
Gunars Augen leuchteten auf. Geschmeidig sprang er vor, packte sie an der Schulter und legte den anderen Arm um ihre Hüfte. Sie versuchte, sich seinem Griff zu entwinden, hatte seiner überlegenen Stärke aber nichts entgegenzusetzen.
»Ich bekomme immer, was ich begehre«, zischte er.
Mit der Kraft entflammter Leidenschaft drückte Gunar ihren Körper an sich und presste die Lippen auf ihren Mund. Sie schmeckte Blut, ohne zu wissen, wer wen gebissen hatte. Roch seinen Schweiß und ein herbes Aroma, das sie nicht einordnen konnte. Obwohl sie ihm die Fingernägel über den Rücken zog, ließ er nicht von ihr ab, sondern versuchte, sein Knie zwischen ihre Schenkel zu drängen. In ihren Schläfen hämmerte das Blut. Sie schaffte es, einen Arm freizubekommen, und boxte ihm mit der geballten Faust in die Seite, bis er seine Umklammerung löste.
»Das wirst du büßen.« Er keuchte und rang nach Luft. »Ich werde dich …«
Bevor Gunar sie erneut packen konnte, stieß ihn Duema mit all ihrer Kraft von sich. Eine derart heftige Gegenwehr hatte er anscheinend nicht erwartet. Er taumelte, verlor das Gleichgewicht und stürzte rücklings ins Wasser.
Hastig raffte sie ihren Kräuterkorb vom Boden auf und rannte entlang des Flussufers davon, um Gunars Zorn zu entgehen. Zu ihrer Freude hörte sie hinter sich die dröhnende Stimme des greisen Kampfmeisters Duran.
»Hast du nichts Besseres zu tun, als in aller Früh Unruhe zu stiften?«, grollte er. »Ich werde mit Urvu ein ernstes Wort reden müssen. Dein Benehmen in letzter Zeit ist eines nahezu erwachsenen Olbuns unwürdig.«
Obwohl ihr Gunar jetzt nicht mehr folgen würde, eilte Duema entlang des Flusses davon und entfernte sich weiter vom Lager, als sie vorgehabt hatte. Ihre Hände schwitzten und das Herz klopfte ihr bis hinauf zum Hals. Was bildete sich dieser Kerl ein? Sie verabscheute ihn und seine Freunde, die sich ihr gegenüber wie Flegel benahmen.
Die Begegnung mit Urvus Sohn lenkte Duemas Gedanken wieder auf die abendliche Zeremonie, wo mehr als ein Kuss auf sie zukommen würde. Allein die Vorstellung ließ ihren Puls rasen. Ihre bisherigen Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht beschränkten sich auf ein paar unbeholfene Berührungen, die kaum Widerhall in ihr gefunden hatten. In manchen Nächten träumte Duema davon, sich einem Partner zu schenken. Aber keinem, der nur ihren Körper begehrte, sondern einem Gefährten, der sie mit ihrem eigenen, ungewöhnlichen Wesen respektierte. Dieser Wunsch widersprach den Lebensumständen der Olbuno, bei denen es kaum feste Partnerschaften gab. Die meisten Kinder wurden während der Feierlichkeiten gezeugt, die unter dem Segen der Göttin Dea standen. In den Vollmondnächten gaben sich die Frauen jedem Bewerber hin, den sie anziehend fanden.
Die Mütter kümmerten sich um ihren Nachwuchs vorwiegend in den ersten Lebensjahren, später fühlte sich der gesamte Clan für die Kinder verantwortlich. Auch Duema hatte in der Vergangenheit mehrere Bezugspersonen gehabt. Dem Kampfmeister Duran verdankte sie den geschickten Umgang mit der Steinschleuder, dem Jäger Jube das Wissen über die Tiere des Waldes. Urvu, die Ondura des Stammes, hatte ihr als geistige Führerin die Lehren der Mondgöttin Dea vermittelt.
Emena, der alten Kräuterfrau, war Duema am innigsten zugetan. Mit ihr verbrachte sie viele Stunden auf der Suche nach den Gaben der Natur. Das Mädchen liebte die Arbeit mit den Pflanzen, von denen sie den Großteil mit geschlossenen Augen am Geruch erkannte. Sie wusste, welches Gewächs man trocknen musste, damit es seine heilende Wirkung entfaltete. Anderen entzogen die Kräuterkundigen ihren Saft, wenn sie in Blüte standen. Emena lobte Duemas Eifer und würdigte das Wissen, das sie sich in den letzten Sonnenzyklen angeeignet hatte. Duema spornte diese Wertschätzung an. Sie verbrachte ihre Zeit lieber auf der Suche nach Heilpflanzen, anstatt mit anderen Jugendlichen des Clans umherzustreunen.
Mit ihrer eigenen Mutter verband sie nur wenig. Vunne hatte dem Stamm sechzehn Kinder geschenkt, eine ungewöhnlich hohe Anzahl selbst bei den fruchtbaren Erdlingsfrauen. Dementsprechend groß war das Ansehen, das ihr von den Clanmitgliedern des Bur’ziudo entgegengebracht wurde. Im Uroro, dem Rat der Ältesten, hatte sie in Erziehungsfragen eine gewichtige Stimme. Aber Duema vermisste bei Vunne die mütterliche Wärme, die Emena ihr schenkte. Die Kräuterfrau hatte im Lauf ihrer siebzig Sonnenjahre nur vier Kinder geboren, die seit Langem erwachsen waren. Damit blieb ihr genügend Zeit, die unaufhörlichen Fragen über das Leben und die Natur zu beantworten, die ihr das Erdlingsmädchen stellte.
Duema befürchtete, dass ihre Mutter sie an diesem Abend drängen würde, sich mehr als einem Jüngling hinzugeben. In Vunnes Augen war die körperliche Liebe die Grundlage für den Fortbestand und die Entwicklung des Clans. Duema hingegen sah die Gemeinschaft nur als einen Aspekt ihres Daseins. Das Verständnis für die Pflanzen und Tiere ihrer Umgebung erschien ihr ebenso wichtig. Wenn es ihr gelang, ein Mysterium zu enthüllen, das die von ihr so geschätzten Kräuter in sich bargen, wurde sie von unbändiger Freude durchflutet.
Über all diesen Gedanken war Duema auf ihrem Lieblingsplatz angelangt. Im Süden wurde er vom Win’emiho begrenzt, dem Fluss der Ruhe, der sich an dieser Stelle träge durch die Landschaft wälzte und seinem Namen alle Ehre machte. Im Gegensatz zum Win’onbino, in den er ein Stück weiter im Westen mündete, wirkte er wie ein stehendes Gewässer. Der Win’emiho erreichte eine beachtliche Breite, dafür war er höchstens vier Schritte tief. Das kristallklare Wasser erlaubte ihr den Blick bis hinab zum Grund, wo sich unzählige Fische tummelten.
Im Norden erstreckte sich ein Wäldchen aus Laubbäumen, die sich eng aneinanderreihten. Es handelte sich um Zinor, knorrige Überreste aus vergangenen Zeiten. Sie dehnten sich eher in die Breite aus, wodurch die dürren, bodennahen Äste ein undurchdringliches Dickicht bildeten. Die handtellergroßen, fünfzackigen Blätter, die Duema an die Pranken eines Bären erinnerten, formten in luftiger Höhe einen dichten Schirm gegen Merros Strahlen. Aus diesem Grund hatte sich am Boden flockiges Moos gebildet, das zum Ausruhen einlud.
Nach Westen wurde die Lichtung durch ein Gestrüpp aus dornenreichen Hecken abgeschirmt. Nur in östlicher Richtung war der Zugang frei und erlaubte den Blick auf die Bergkämme des Zoe’tuzob. Das Gebirge verdankte seinen Namen den drei zackigen, schneebedeckten Gipfeln, die unter Merros Strahlen in einem bläulichweißen Licht schimmerten. An den steilen, zerklüfteten Berghängen fand keine Vegetation Halt. In die Felswände hatte ein göttlicher Bildhauer Skulpturen gemeißelt, die in Duemas Fantasie versteinerte Wesen aus der Urzeit darstellten. In den Tagen ihrer Kindheit hatte sie den markantesten Formationen Namen gegeben und Geschichten ersonnen, die sich um die Entstehung der Gipfel rankten. In ihrer Wahrnehmung war das Gestein von einem Geistwesen erfüllt, das tief in seinem Kern Erinnerungen an längst vergangene Zeiten barg.
An diesem Platz hatte Duema in den letzten Jahren viele ungestörte Stunden verbracht. Kein Angehöriger ihres Clans schien diesen Zufluchtsort zu kennen. Nirgendwo sonst spürte sie die Seele der Erde so kraftvoll unter ihren Füßen. Zu ihrer Freude wuchsen hier unzählige Heilkräuter, die nur darauf warteten, gepflückt zu werden. Duema ging an jede Ernte mit Bedacht und Ehrfurcht heran. Sie nahm nur solche Mengen, die das Wachstum der Kräuter nicht beeinträchtigten.
Nahe den Laubbäumen, deren Kronen sich zu einem dichten Blätterdach vereinten, fand sie Judabopflanzen, die gerade in Blüte standen und einen süßlichen Duft verströmten. Sorgfältig löste Duema die goldgelben Köpfchen mit den weißen Blütenblättern von den Stängeln, die sie später in klarem Wasser ansetzen würde. Der Sud diente zum Reinigen frischer Verletzungen und beugte Vergiftungen vor. Die dunkelroten Früchte der Lemeorbüsche sammelte sie für Emena, die sich daraus einen belebenden Tee braute.
Nach einigen Stunden konzentrierter Arbeit war ihr Korb bis zum Rand mit Kräutern gefüllt. Es war höchste Zeit für die Rückkehr. Zwar schätzte ihre Mutter die Kenntnisse, die Duema als Kräuterkundige erworben hatte, denn ihre Tinkturen und Pulver waren für den Bur’ziudo kostbare Güter. Andererseits schimpfte Vunne jedes Mal, wenn sich ihre Tochter stundenlang weitab vom Lager in der Wildnis herumtrieb.
»Als hätte ich nicht längst gelernt, auf mich aufzupassen«, murmelte sie. »Die Gefahren außerhalb des Dorfes finde ich nicht so schlimm wie die jungen Kerle, die mich bedrängen und verspotten.«
Sie zog eine angewiderte Grimasse und dachte angestrengt nach, wie sie ihre Mutter am besten besänftigen könnte. Mittlerweile hatte Merro den Zenit seiner Bahn überschritten, selbst im Schatten der Bäume war es drückend schwül. Duemas goldbraune Haut glänzte vor Schweiß und einzelne Strähnen ihrer nussbraunen, lockigen Haare klebten ihr im Gesicht.
Bevor sie den Heimweg antrat, wollte sie sich ein ausgiebiges Bad im Win’emiho gönnen. Sie würde ihre verwilderte Mähne mit einer Paste aus Judaboblüten und Kieselerde waschen, um ihr einen seidigen Glanz zu verleihen. Vielleicht konnte sie Vunnes Groll mildern, wenn sie sich dem abendlichen Fest entsprechend präsentierte.
Bevor Duema ihren Lendenschurz löste, musterte sie die Lichtung. Außer Vögeln und einigen harmlosen Kleintieren war kein Lebewesen zu sehen. Mit einem übermütigen Schrei sprang sie in den Fluss, der um diese Tageszeit erfrischend kühl war. Eine Weile trieb sie am Rücken im Wasser und genoss, wie die Wellen ihren Leib streichelten. Entspannt schloss sie die Augen, verlor sich ein paar Augenblicke lang in der Vorstellung, Männerhände berührten ihren Körper. Ein wohliges Kribbeln wärmte ihren Schoß, griff auf Bauch und Brüste über, deren Knospen sich verhärteten.
Gewaltsam riss sich Duema aus ihren Tagträumen, tauchte unter und schwamm mit kräftigen Stößen zurück ans Ufer. Sie entnahm ihrem Bündel, was sie für die Pflege ihrer Haare benötigte. Wieder kreisten ihre Gedanken um die bevorstehende Zeremonie. Dem Wunsch ihrer Mutter entsprechend hatte sie das Wor’hos in den vergangenen Monaten mehrmals aus der Ferne miterlebt. Anfangs schienen die meisten Mädchen Schmerzen zu erleiden, die sich später in Lust verwandelten.
Mehr als die zu erwartenden körperlichen Empfindungen belastete Duema die Vorstellung, ihr erstes Mal mit einem zufällig ausgewählten Jüngling erleben zu müssen. Vielleicht mit einem, der sie ständig hänselte. Sie wünschte aus tiefstem Herzen, selbst entscheiden zu dürfen, obwohl das dem Brauchtum der Olbuno widersprach. Die Abscheu vor der öffentlichen Zurschaustellung war in ihr gewachsen, seit sie die ersten Zeremonien im Ring des Rituals miterlebt hatte.
Duema seufzte. Vergeblich versuchte sie, die bedrückenden Bilder zu verscheuchen. Sie war so in ihren Gedanken versunken, dass sie die leisen Schritte hinter ihrem Rücken nicht wahrnahm. »Was für ein unerwarteter, dafür umso schönerer Anblick inmitten dieser Wildnis.«
